Dieser Tage ist viel vom Geburtenknick die Rede. Doch was bedeutet er genau?
Darunter versteht man einen plötzlichen und spürbaren Rückgang der Geburtenrate. Ursache sind meist gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Umbrüche. Betrachtet man die Gesamtlage, zeigt sich ein Bündel verschiedener Gründe.
Zentrale Faktoren sind die Rahmenbedingungen für Familiengründungen. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Denn eine Familie bedeutet hohe finanzielle Belastung, großen Zeitaufwand und viel Verantwortung. Auch veränderte Rollenbilder wirken: Freizeit und persönliche Freiheit haben heute mehr Gewicht. Kinder gelten zudem häufig als Karrierekiller.
Manche Paare scheuen die unsichere Weltlage, geprägt von Kriegen und Umweltkrisen. Sie fürchten, dass ihre Kinder keine guten Zukunftschancen haben werden. Hinzu kommt der Tiefpunkt der Geburtenzahlen in den 1990er-Jahren. Er wirkt bis heute nach: Es gibt weniger Frauen, die überhaupt Mütter werden könnten. So sinkt die Geburtenrate seit Jahrzehnten stetig.
Personalabbau und Schließungen sind Realität
Besonders der Abbau von Stellen sorgt für Verunsicherung. Jahrelang war von einer „demografischen Rendite“ die Rede, die zu nutzen sei. Nun aber werden betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen.
In Dresden erklärte der Eigenbetrieb Kita auf seiner jährlichen Personalversammlung, dass es keine Kündigungen geben werde. Befristete Verträge sollen jedoch nicht verlängert oder entfristet werden. Der SEV war bei der Versammlung dabei und brachte sich in die Diskussion ein.
Gleichzeitig mehren sich Berichte über Kitaschließungen – zuletzt in Döbeln und Waldheim. Auch andernorts im Freistaat kommt es zu Schließungen. Personal wird versetzt, oft mit erheblichen Folgen: längere Arbeitswege, neue Kollegien, andere Zuständigkeiten oder veränderte Betreuungskonzepte. Beziehungen zu Kindern müssen neu aufgebaut werden. Dresden schließt zunächst die befristet eingerichteten Container-Kitas.
Unmut bei Eltern, Fachkräften und Kindern
Die Folgen spüren auch die Familien. Bezugspersonen fallen weg, Kita-Wege verlängern sich spürbar, das Familienleben gerät unter Druck. Für die Fachkräfte steigt die Belastung, zugleich wächst die Angst vor Kündigungen. Teams, die gut zusammengearbeitet haben, werden auseinandergerissen.
Zusätzlich drohen Konflikte, wenn entschieden werden muss, wer in eine andere Einrichtung wechselt. Diese schwierige Aufgabe liegt bei den Leitungen. Die Sorge vor sinkender Betreuungsqualität ist groß – Eltern, Kinder und Fachkräfte sind gleichermaßen betroffen.
Absehbare Folgen
Bei einem Besuch an einer Fachschule für Soziales in Dresden berichteten angehende Erzieherinnen und Erzieher von Zukunftsängsten. Sie fürchten, nach der Ausbildung keine Anstellung zu finden. „So etwas gab es lange nicht. Immer hieß es, wir brauchen Fachkräfte, der Betreuungsschlüssel muss besser werden“, sagte eine Schülerin.
Wenn motiviertes, gut ausgebildetes Personal sich vom Beruf abwendet, gehen wertvolle Fachkräfte unwiederbringlich verloren – ein schwerer Schaden für das gesamte System.
Wie geht es weiter?
Eine Glaskugel könnte die Zukunft leichter erkennbar machen. Klar ist: Es gibt unterschiedliche Szenarien. Manche Prognosen erwarten mittelfristig wieder steigende Geburtenzahlen. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente. Mit ihnen verschwinden lange Berufserfahrungen. Nachwuchs rückt nur spärlich nach, da unbefristete Verträge kaum noch vergeben werden. Ein Teufelskreis.
Steigen die Geburtenzahlen wieder an, sind hohe Kosten und Anstrengungen nötig, um erneut Personal zu gewinnen und die Betreuung abzusichern. Die 1990er-Jahre haben gezeigt, wie schwerwiegend diese Aufgabe sein kann – eine Wiederholung ist wahrscheinlich.
Auch wirtschaftliche Entwicklungen spielen hinein. In Dresden entstehen große Technologiekonzerne, was zusätzlichen Bedarf an Kinderbetreuung schafft. Ähnliche Standortvorteile fehlen jedoch vielen Regionen im Freistaat.
Der Rückgang erreicht inzwischen auch die Grundschulen. Einschulungen verlaufen spürbar ruhiger: Wo früher zweizügig oder gar dreizügig gestartet wurde, reicht inzwischen oft eine einzige Klasse.
Wir sind für Sie da!
Sollten auch Sie von Kitaschließungen und Personalabbau betroffen sein, nehmen Sie gern mit uns Kontakt auf.