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Erzieherinnen der Kita „Pfiffikusland“ setzen sich selbstbewusst für bessere Rahmenbedingungen ein

Die Erzieherinnen in der Kita „Pfiffikusland“ in Geringswalde werden seit Jahren untertariflich bezahlt. Sie haben sich Hilfe beim Sächsischen Erzieherverband und der Spitzengewerkschaft dbb beamtenbund und tarifunion geholt, um sich für bessere Arbeitsbedingungen stark zu machen. Der Kita-Träger war zu Tarifverhandlungen nicht bereit, so dass es zum Warnstreik der Erzieherinnen kam. Am Ende warf der Träger das Handtuch.

Häufig verdienen Erzieherinnen und Erzieher bei freien Trägern weniger als bei kommunalen. In Zeiten von Fachkräftemangel sind die Auswirkungen der geringeren Bezahlung und anderer, schlechterer Bedingungen noch verheerender, wenn es um Fachkraftbindung und Fachkraftgewinnung geht. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen – und dazu gehört auch eine angemessene Entlohnung – dann bleibt der Nachwuchs aus. Aus diesem Grund fordert der Sächsische Erzieherverband seit jeher die Umsetzung der Ergebnisse der Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst auch bei freien Trägern. Diese Beschäftigten leisten die gleiche Arbeit wie ihre Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst und erwarten mit Recht die gleiche Bezahlung

Der Kita „Pfiffikusland“ in Geringswalde gehen die Erzieherinnen aus

Die Auswirkungen einer untertariflichen Bezahlung sind derzeit in der Kita „Pfiffikusland“ in Geringswalde (Landkreis Mittelsachsen) zu beobachten. Schon seit ca. 20 Jahren ist die Lebenshilfe Döbeln Träger der Kindertageseinrichtung „Pfiffikusland“ in Geringswalde, bis jetzt gibt es keine Tarifverträge. Mit jeder Erzieherin wird ein individuelles Gehalt vereinbart. Konkret bedeutet dies: Sie verdienen jeden Monat ca. 480 bis ca. 690 Euro weniger als ihre Kolleginnen in kommunalen Kitas.

Seit längerer Zeit ist es nun so, dass der Träger in der Kita „Pfiffikusland“ große Schwierigkeiten hat, frei gewordene Stellen nachzubesetzen.

Es braucht keine höhere Mathematik, um die eine Tatsache mit der anderen in Verbindung zu bringen: Wenn in Zeiten von Fachkräftemangel Fachpersonal schlechter bezahlt wird, sucht sich der Berufsnachwuchs andere, attraktivere Stellen. Freie Stellen bleiben unbesetzt, weil es keine geeigneten Fachkräfte gibt, die diese Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Durch die angespannte Personalsituation in der Kindertageseinrichtung besteht mittlerweile die ernstzunehmende Gefahr, dass die Betreuung aller Kinder nicht mehr gewährleistet werden kann.

Erzieherinnen wollen die Lasten nicht mehr alleine tragen

Trotz der schwierigen Umstände ist es in der Vergangenheit gelungen, die Kinder gut zu betreuen, denn die Beschäftigten glichen durch zusätzlichen Einsatz die fehlenden Fachkräfte aus.

Doch jetzt ist die Grenze erreicht.

Um die gute Qualität der Arbeit in der Kita zu sichern, müssen die Erzieherinnen für sich auch finanziell eine Zukunftsperspektive in der Kita haben. Damit neue Fachkräfte gefunden werden, braucht es attraktive Arbeitsbedingungen. Aus diesem Grund haben sich die Erzieherinnen der Kita „Pfiffikusland“ im Sächsischen Erzieherverband organisiert. Sie wollen es nicht länger hinnehmen, zu deutlich schlechteren Bedingungen als ihre Kollegen in den kommunalen Kitas zu arbeiten.

Die Erzieherinnen holen sich gewerkschaftliche Unterstützung

Der dbb beamtenbund und tarifunion, die Spitzengewerkschaft des Sächsischen Erzieherverbandes, hat schon im Mai den Vorstand und die Vorstandsvorsitzende des Trägers zur Aufnahme von Tarifverhandlungen aufgefordert. Nur aufgrund von erneutem Nachhaken kam ein Gespräch zwischen der Verhandlungskommission des dbb mit dem Vorstand sowie einer Vertreterin des Landesverbandes im Juli zustande.

Während des Gesprächs wurde seitens des Vorstandes klargestellt, dass man eher den Betreibervertrag mit der Stadt kündigen würde, als für die Erzieherinnen einen Tarifvertrag abzuschließen, der zu Verbesserung der Arbeits- und Einkommensbedingungen führt. Die Verhandlungskommission des dbb sah ebenfalls in der Beendigung der Trägerschaft die beste Lösung. Diesen Schritt ging der Träger Lebenshilfe zunächst allerdings nicht.

Der Träger zeigt keine Bereitschaft, in Tarifverhandlungen einzutreten

Der Betriebsrat der Kita „Pfiffikusland“ Geringswalde beschrieb die Situation am 12. November 2018 so: „Wir sind bemüht, Probleme und Notwendigkeiten mit unserem Arbeitgeber der Lebenshilfe e. V. zu besprechen und zu bearbeiten. Seit längerer Zeit gibt es große Unzufriedenheit in Bezug auf die Entlohnung und die Rahmenbedingungen dazu. Um Abhilfe zu schaffen, erschien es uns sinnvoll Arbeitgeber und unsere Gewerkschaft SEV miteinander an einen Tisch zu bringen, um einen gemeinsamen Termin für Gespräche zu finden. Dieser Versuch scheiterte. Unsere Möglichkeiten im Rahmen der Betriebsratsarbeit sind damit in diesem Bereich erschöpft. Nun liegt es in den Händen der Gewerkschaft, Maßnahmen zu ergreifen, um eine Gesprächsbereitschaft zu erreichen. Wir als Mitglieder der Gewerkschaft werden uns diesen anschließen. Ziel der Erzieherinnen der Kita ist nicht nur eine Entlohnung nach TVöD, sondern auch ein Manteltarifvertrag auf diesem Niveau.
Trotz der Initiativen lehnte der Träger Tarifverhandlungen ab und wollte weiterhin allein entscheiden, unter welchen Arbeitsbedingungen er die Erzieherinnen beschäftigt. Das wollten sich die Erzieherinnen und ihre Gewerkschaft, der Sächsische Erzieherverband, nicht bieten lassen. In einem nächsten Schritt wurden daher die Eltern über die Situation in der Kita informiert.

Die gesamte Belegschaft tritt in den Warnstreik

Die Erzieherinnen der Kita „Pfiffikusland“ legten am Morgen des 13. November 2018 ihre Arbeit nieder, um in einen zweistündigen Warnstreik zu treten – dazu hatte der Sächsische Erzieherverband mit seiner Spitzengewerkschaft dbb beamtenbund und tarifunion aufgerufen.
Fast alle Beschäftigten kamen am zeitigen Morgen – teilweise Stunden vor ihrem eigentlichen Dienstbeginn – und zeigten damit ihre Entschlossenheit für ihre Forderungen einzustehen. „Die gesamte Belegschaft ist da, weil wir wissen, wofür wir hier stehen.“, teilte Betriebsrätin Jana Kierek den vor Ort wartenden Journalisten mit. In den folgenden Gesprächen wurde einerseits die Hoffnung auf ein Einlenken des Trägervereins Lebenshilfe und die Aufnahme von Tarifverhandlungen deutlich, andererseits aber auch die Unerschrockenheit, weitere Schritte zu gehen, falls der Träger keine Verhandlungsbereitschaft zeigen würde.

Der Träger wirft das Handtuch

Nach derzeitigem Stand wird die Lebenshilfe ihre Trägerschaft aufgeben, damit wird regulär zum 01.01.2020 die Verantwortung für die Trägerschaft in neue Hände gegeben. Der SEV wird diesen Prozess weiter begleiten und sich weiter dafür einsetzen, dass dann bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden.